Home | Stadträte | Presse | Anträge | Partei | Links | Kontakt





ddd

P R E S S E M I T T E I L U N G
19. Februar 2008


Sprachförderung statt türkischer Schulen

Die Münchner Grünen haben heute ein 5-Punkte-Programm zur besseren Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund vorgelegt.

Anlass sind die Äußerungen des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan, der bei seinem Deutschlandbesuch vor wenigen Tagen türkische Gymnasien in Deutschland mit aus der Türkei entsandten Lehrkräften gefordert und damit eine heftige Debatte entfacht hatte. Dies kann aus Sicht der GRÜNEN Bildungsexperten Sabine Krieger und Dr. Florian Roth nicht die Lösung sein.

Doch Tatsache ist:

  • Die Bildungschancen von Migrantenkindern – insbesondere türkischer Herkunft – in deutschen Schulen sind mangelhaft.
  • Nur 9,4 % der türkischen Schülerinnen und Schüler, die im Schuljahr 2004/2005 die 5. Jahrgangsstufe besuchten, befanden sich an einem Gymnasium (dafür aber 63,6 % an einer Hauptschule).
  • Laut Münchner Bildungsbericht verließ ein Fünftel (19,4 %) der Schülerinnen und Schüler mit ausländischem Pass im Jahre 2004 die Schule ohne Schulabschluss. Hier liegt die Quote mehr als dreimal so hoch wie bei Deutschen (dort betrug sie 6,3%).
  • Dafür ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler, welche die Schule mit Abitur verlassen haben, bei Deutschen viermal so hoch wie bei Nicht-Deutschen (37,7 % gegenüber 9,5 %).

Diese Schulprobleme haben häufig mit mangelnden Sprachkompetenzen zu tun. Dies betrifft sowohl die deutsche Sprache wie die Herkunftssprache. Deshalb ist sowohl bei der Deutschförderung als auch bei der Stärkung der herkunftssprachlichen Kompetenzen anzusetzen. Statt durch türkische Gymnasien mit Lehrkräften ohne Kenntnisse der deutschen Sprache und Gesellschaft die Segregation zu fördern, setzen die Grünen auf intensive Förderung in der deutschen Sprache wie auf mehrsprachige Angebote.

Sabine Krieger und Dr. Florian Roth schlagen deshalb vor:

  • Verbesserung der Deutschförderung an Gymnasien für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund (siehe Antrag >>>hier)
  • Stärkere Einbeziehung und Förderung von Migrantenselbstorganisationen und freien Trägern mit interkulturell geschultem herkunftssprachlichem Personal im Bereich der Elternarbeit mit Migrantenfamilien (siehe Antrag >>>hier)
  • Unterstützung und Förderung von Migrantenvereinen, die muttersprachlichen Unterricht anbieten (siehe Antrag >>>hier)
  • Gründung einer Reformschule München mit mehrsprachigen Ansätzen und besserer Förderung von Migrantenkindern – als Leuchtturmprojekt mit Modellcharakter für andere Schulen
  • Gründung einer Internationalen Schule mit mehrsprachigen Angeboten

Sabine Krieger: „Immer wieder berichten Lehrkräfte an Gymnasien von talentierten Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund, die aber wegen mangelnder Förderung der Sprachkompetenzen zu scheitern drohen. Besondere Fördermaßnahmen werden bisher nur punktuell an einigen angeboten. Hier besteht ein dringender Handlungsbedarf zur Herstellung größerer Bildungsgerechtigkeit.

Letztlich ist aber eine prinzipielle Neuausrichtung unseres Bildungssystems notwendig. Um den Kindern und Jugendlichen aus allen sozialen Gruppen die Chance auf eine gute Bildung zu geben, wollen wir eine öffentliche Reformschule einrichten, die vom Vorschulbereich bis zur 10. Klasse eine gemeinsame Schulzeit für alle bietet. Rhythmisierter Ganztagsbetrieb mit jahrgangübergreifenden Lerngruppen gibt Zeit und Raum für individuelle Förderung mit besonderer Betonung früher Sprachförderung. Eine solche Schule mit Modellcharakter auch für andere Schulen könnte durch individuelle Förderung von Anfang an statt Selektion ab der 4. Klasse, durch interkulturelles Lernen und zweisprachige Alphabetisierung gerade die Bildungschancen für Migrantenkinder verbessern.

Dr. Florian Roth: „Muttersprache ist Menschenrecht und Mehrsprachigkeit ein Potential in der globalisierten Welt. Wissenschaftliche Studien haben schon seit langem gezeigt, dass gute Kenntnisse in der Erstsprache eine wichtige Voraussetzung für das Beherrschen einer Zweitsprache sind. Die Abschaffung des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts an Grund- und Hauptschulen durch die CSU-Staatsregierung ist daher ein Skandal.

Viele Migrantenvereine haben die Sache nun selbst in die Hand genommen und versuchen, außerschulische Kurse in der Herkunftssprache anzubieten. Oft scheitern diese Bemühungen am Fehlen von Räumen und mangelnden Finanzmitteln. Deshalb sollte die Stadt die Initiativen durch die Bereitstellung von Räumlichkeiten und finanziell unterstützen.

Perspektivisch könnte eine Internationale Schule München ein innovatives Angebot zur Förderung der Mehrsprachigkeit von Deutschen und Migranten sein. München als weltoffene und internationale Stadt braucht eine prinzipiell für alle zugängliche Internationale Schule, in der mehrsprachiger Unterricht angeboten wird – in Deutsch, Englisch sowie in anderen für München relevanten Sprachen. Das würde sowohl dem multikulturellen Charakter Münchens als Einwanderungsstadt entsprechen als auch einen handfesten Standortnachteil im Wettbewerb um internationale Unternehmen und Arbeitskräfte beseitigen. Möglich wäre als Träger eine gemeinsam von Stadt, Land und Wirtschaft finanzierte Stiftung.

Vorbild könnten etwa die staatlichen Europaschulen in Berlin sein. An den Europaschulen wird jeweils 50 % des Unterrichts in Deutsch bzw. der anderen Partnersprache erteilt. Es gibt sie mit den Partnersprachen Englisch, Französisch, Russisch, Spanisch, Italienisch, Türkisch, Neugriechisch, Portugiesisch und Polnisch. Ein Beispiel ist die deutsch-türkische Aziz-Nesin-Grundschule.“

Pressearchiv

Antragsarchiv

Ausschüsse