Herrn
Oberbürgermeister
Christian Ude
München, den 18. 9. 2006
Offener Brief
Eröffnung des U-Bahnhofes Garching Forschungszentrum am 14. Oktober
Keine Teilnahme bei der Ehrung für NS-Täter
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
am 14. Oktober 2006 wird der neue U-Bahnhof Garching-Forschungszentrum feierlich eröffnet. Selbstverständlich begrüße ich die Ausweitung des Münchner U-Bahn-Netzes. Der Münchner Uni-Express wird sicherlich viele neue Fahrgäste dazu bewegen, auf den MVV umzusteigen.
Dennoch möchte ich Sie mit diesem Schreiben auffordern, der geplanten Eröffnung dieses U-Bahnhofes fernzubleiben obwohl Sie für diesen Tag als Redner vorgesehen sind. Denn mit Claude Dornier und Willy Messerschmitt werden in diesem neuen U-Bahnhof zwei Wissenschaftler und Unternehmer geehrt, die das nationalsozialistische Regime unterstützt und von ihm profitiert haben.
Claude Dornier war Mitglied der NSDAP und Wehrwirtschaftsführer. Seine Werke in Oberpfaffenhofen und München-Neuaubing, Brunhamstraße 21, produzierten seit 1936/37 serienmäßig Kampfbomber. In dem Katalog „Ort und Erinnerung“ von Winfried Nerdinger heißt es: „Für ihre Zwangsarbeiter, deren Zahl sich von Dezember 1941 bis Frühjahr 1944 von 855 auf 1913 mehr als verdoppelte, errichtete Dornier ein Arbeitslager direkt neben der Flugzeugfabrik. Fast jeder zweite Beschäftigte war 1944 ein Zwangsarbeiter. An anderen Produktionsstandorten beutete Dornier auch Häftlinge aus dem KZ Dachau aus.“ (S. 110) (Am Rande sei erwähnt, dass Dornier das Konstruktionsverbot für deutsche Firmen nach 1945 umging, indem er Konstruktionsbüro und Produktion in das damals faschistische Spanien verlegte.)
Der Historiker Lutz Budraß faßt das Wirken Claude Dorniers konsequent so zusammen: „Er war kein Anti-Nazi, er hat an vorderster Stelle an der Aufrüstung mitgearbeitet.“ (SZ vom 10. 4. 2006)
Wilhelm Messerschmitt wurde bereits 1933 Mitglied der NSDAP. Lutz Budraß bezeichnet Messerschmitt als „des Führers Lieblingskonstrukteur er hat sich mehr als alle anderen Flugzeugbauer mit Hitler eingelassen.“ (SZ vom 10. 4. 2006) Die Firma Messerschmitt setzte mehrere tausend KZ-Häftlinge in verschiedenen Außenlagern für die Produktion ein. Eine Produktionsstätte der Messerschmitt-Werke wurde unmittelbar neben dem KZ Dachau errichtet. Im Juli 1943 bedankte sich Messerschmitt persönlich beim Dachauer KZ-Kommandanten für dessen „Initiative und Einsatzfreudigkeit“ bei der Errichtung dieser Außenstelle für elektrische Fertigung im KZ-Dachau. Für die Firma Messerschmitt wurden insgesamt ca. 3.500 Häftlinge in den Außenlagern Lauingen, Landsberg, Bäumenheim, Augsburg-Michlwerke und Burgau eingesetzt. (Stanislav Záemecnik, „Das war Dachau“, S. 316) Nur zur Ergänzung sei hier auf die Beschreibung der Lebensverhältnisse in diesen Lagern verwiesen: „Der Lagerkomplex war in der Regel von einem hohen Drahtzaun umgeben und hatte Wachtürme an den Ecken. Die Häftlinge lebten in provisorischen Baracken, die durch Ungeziefer verseucht waren und keine hygienischen Einrichtungen besaßen. Ihre Verpflegung entsprach nicht entfernt den enormen Arbeitsanforderungen. Die medizinische Versorgung war in den Augsburger Lagern so ungenügend, dass die Schwerkranken nach Dachau ...verlegt werden mußten. Das jedoch war für jüdische Häftlinge, die ab dem Herbst 1944 in die Nebenlager kamen, verboten.“ (a.a.O. S 308/309)
Auch die Errichtung von unterirdischen Produktionsstätten war Teil des Lager-/Produktionssystems. Die kriegswichtige Massenproduktion vor allem von Jagdflugzeugen wurde mit bis zu 200.000 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen unter unmenschlichsten Bedingungen weiter vorangetrieben. An diesem System waren sowohl die Dornier-Werke als auch die Messerschmitt-Werke beteiligt.
Im bereits erwähnten Buch von Nerdinger, „Ort und Erinnerung“ heißt es über das KZ Dachau als Arbeitskräftelieferant: „Die wichtigsten Arbeitgeber außer der SS waren BMW, Messerschmitt und Dornier.“ (S. 93)
Ich habe die Verwicklungen der Firmen und Personen Dornier und Messerschmitt nochmals so ausführlich dargelegt um deutlich zu machen, dass es sich bei diesen Personen nicht um unbedeutende Mitläufer des NS-Regimes gehandelt hat. Messerschmitt und Dornier waren vielmehr entscheidende Handlungsträger in der NS-Kriegsproduktion, die ihre Fähigkeiten und ihr Wissen verwendet haben, um die Kriegsvorbereitungen zu ermöglichen und die Kriegsfähigkeit der Wehrmacht aufrechtzuerhalten. Messerschmitt und Dornier waren Teil des militärischen Komplexes der Nationalsozialisten.
Aufgrund der massiven Kritik in der Öffentlichkeit, vorangetragen durch Frau Präsidentin Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Max Mannheimer, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, hat der Stadtrat der Stadt Garching beschlossen, die Tafeln mit folgendem Text zu versehen:
Claude Dornier (1884 1969)
Der Ingenieur Claude Dornier war Mitbegründer des Zeitalters der Ganzmetallflugzeuge und Flugboote. Die Reichweite und die Nutzlast wasserungsfähiger Flugzeuge ermöglichten erstmals Ozean- und Kontinentalflüge. Seine Firmen bauten während des Zweiten Weltkrieges Kampfflugzeuge, auch unter Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, von denen viele dabei zu Tode kamen.
Willy Messerschmitt (1898 1978)
Der Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt prägte den Weltruf der Bayerischen Flugzeugwerke, der späteren Messerschmitt AG. Er fertigte als Erster Düsenflugzeuge in Serie. Seine Firma baute während des Zweiten Weltkrieges Kampfflugzeuge, auch unter Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, von denen viele dabei zu Tode kamen.
Trotz ihrer tiefen Verstrickung in das nationalsozialistische Regime und seinen verbrecherischen Krieg wird die Ehrung der Konstrukteure der Ganzmetall- und Düsenflugzeuge für notwendig erachtet. In Anbetracht der oben nur kurz beschriebenen Verflechtungen Dorniers und Messerschmitts sowie der Leiden der Opfer kann man nur zu der Feststellung kommen, dass diese Tafeln die historische Wahrheit verschleiern und die Opfer verhöhnen, die in den KZ-Außenlagern oder als Zwangsarbeiter bei der Produktion in diesen Firmen umkamen oder ausgebeutet wurden.
Diese Tafeln können für die Opfer nur eines bedeuten: Alle Getöteten und Ausgebeuteten sind zusammen nicht so bedeutsam, wie die Leistung dieser beiden Ingenieure. Das Beharren auf der Ehrung bedeutet, dass alle Schrecken des Nationalsozialismus die Leistungen dieser Konstrukteure nicht überdecken können. Mit mehr Verachtung können Opfer wohl kaum bedacht werden.
Ich habe dies so ausführlich dargelegt, um zu verdeutlichen, warum ich Sie dringend bitten möchte, der Eröffnung dieses U-Bahnhofes als politisches Zeichen fernzubleiben. Auf meine Anfrage vom 11. 4. 2006 haben sie geantwortet, dass die Ausgestaltung dieses U-Bahnhofes alleine in Verantwortung der Stadt Garching liegt. Dies ist formal sicher korrekt. Aber es geht hier auch um eine grundlegende Frage, die Ihnen als Präsident des Deutschen Städtetages sicher öfters begegnet: Können große Ingenieursleistungen, kulturelle Leistungen oder wirtschaftliche Leistungen Verbrechen des Nationalsozialismus in den Hintergrund drängen? Im Kern geht es um die Frage, ob Personen des Nationalsozialistischen Regimes, die eindeutig auf der Täterseite standen, sechzig Jahre nach Kriegsende wieder ehrungswürdig werden indem ihre Leistungen größer dargestellt werden als ihre Verbrechen und Verwicklungen. Im Kern sollen Dornier und Messerschmitt aus dem Täterkreis der NS-Zeit zurückgeholt werden in den reinen Hort der Wissenschaftsgeschichte. Dies darf m. E. nicht geschehen.
Falls Sie dennoch an der Eröffnung teilnehmen, möchte ich Sie auf diesem Wege bitten, wenigstens deutliche Worte zu dieser Ehrung zu sagen. Das wäre nicht die Einmischung des Münchner Oberbürgermeisters in die Angelegenheiten einer anderen Kommune, sondern eine notwendige Stellungnahme zu einer historischen Reinwaschung, die nicht unkommentiert bleiben darf.
Mit freundlichen Grüßen
Siegfried Benker
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