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Weitere notwendige Schritte zu einem Dokumentationszentrum über die NS-Vergangenheit Münchens
Geschichte und Stand der Dinge
Am 8. 9. 2000 stellte die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen - rosa Liste den Antrag: "Eine würdige Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus - eine andere Form der Erinnerung im öffentlichen Raum". Enthalten in diesem Antrag war auch die Forderung nach einem Dokumentationszentrum in der Nähe des Königsplatzes. Der Bezirksausschuß Maxvorstadt stellte am 12. 12. 2000 einen Antrag, der sich schwerpunktmäßig ebenfalls mit der Schaffung eines Dokumentationszentrums am Königsplatz beschäftigte.
Die Grüne Fraktion hat in ihrem Antrag die teilweise seit über zwanzig Jahren laufenden Diskussionen aufgegriffen und gebündelt. Diese sind im wesentlichen:
* Errichtung einer würdigen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus
* Eine Konzeption für die Erinnerung an die Rolle Münchens im Nationalsozialismus im öffentlichen Raum (z. B. im NSDAP-Parteiviertel)
* Errichtung eines Dokumentationszentrums
Seit dem Sommer 2000 hat sich die Fraktion intensiv darum bemüht, die Vereinigungen, Organisationen und Einzelpersonen, die an diesen Themen arbeiten, an einen Tisch zu bekommen und ein gemeinsames Vorgehen abzusprechen. Das ist gelungen.
Am 16. 10. 2001 hat sich - nach intensiven internen Bemühungen - der Kulturausschuß der Landeshauptstadt München u. a. dafür ausgesprochen, daß:
* mit dem Freistaat über die Errichtung eines Dokumentationszentrums am Königsplatz verhandelt werden soll,
* eine Geschichtsstraße entlang der Achse Odeonsplatz/Königsplatz eingerichtet werden soll, um im öffentlichen Raum an die Rolle des NSDAP-Parteiviertels zu erinnern,
* Veranstaltungen durchgeführt werden sollen, um eine möglichst breite Beteiligung der Öffentlichkeit in allen angeschnittenen Fragen zu erreichen,
* Wettbewerbe stattfinden sollen, um für die Umsetzung der Geschichtsstraße und der Gedenkstättensituation möglichst viele Ideen zu sammeln.
Mit Beschluß des Stadtrates vom 11. 12. 2001 ist der Fraktion der Grünen ebenfalls gelungen für die Finanzierung der Veranstaltungen und der öffentlichen Debatten 50.000,-- € im Kulturhaushalt einzustellen.
Im Herbst 2001 hat die Landtagsabgeordnete Frau Hildegard Kronawitter, SPD, ebenfalls einen Antrag zur Errichtung eines Dokumentationszentrums am Königsplatz im bayerischen Landtag eingebracht.
In einem gemeinsamen Antrag von CSU, SPD und Grünen wurde im Kulturausschuß des Landtages am 23.1. 2002 folgendes beschlossen:
"Die Staatsregierung wird gebeten, in Zusammenarbeit mit der Stadt München und dem Bund unter Einbeziehung der Öffentlichkeit und aller zuständigen Behörden und Institutionen ein wissenschaftlich fundiertes Konzept zur umfassenden Darstellung der NS-Vergangenheit der Landeshauptstadt München, insbesondere ihrer Rolle als "Hauptstadt der Bewegung" und als Ort des Widerstandes, zu erarbeiten."
Es ist vorgesehen, daß im Herbst 2002 dann der Grundsatzbeschluß zur Errichtung eines Dokumentationszentrums am Königsplatz gefällt werden kann.
Durch den von den Grünen initiierten Beschluß des Kulturausschusses sowie den von MdL Kronawitter (SPD) initiierten Beschluß des Landtages haben die beiden entscheidenden Verantwortlichen Ebenen ihre grundsätzliche Bereitschaft zur Errichtung eines Dokumentationszentrums erklärt.
Überlegungen und Forderungen
Damit ist die Errichtung eines Dokumentationszentrums zum erstenmal in einer langjährigen Debatte in greifbare Nähe gerückt. Doch besteht Anlass zu der Sorge, daß auch dieser Umsetzungsversuch ins Leere geht. Deshalb wollen wir so schnell wie möglich Nägel mit Köpfen machen. Zur schnellstmöglichen Umsetzung bedarf es u. E. einer Reihe von Schritten, die jetzt eingeleitet werden sollten.
1. Zusammenarbeit und gemeinsame Planung und Entwicklung von Anfang an
Nach Beschluß des Bayerischen Landtages sollte schnellstmöglich ein gemeinsames Vorgehen von Stadt, Land und Bund in der Frage der Errichtung des Dokumentationszentrums erreicht werden, welches die weiteren formalen Schritte klärt. Hierzu gehören u. a.: Trägerschaft des zu schaffenden Dokumentationszentrums, Finanzierungsaufteilung zwischen Bund, Land und Stadt für die Investitionskosten, die Konzipierung der Ausstellung sowie die Aufteilung der Betriebskosten/Folgekosten nach Eröffnung. Einrichtung eines Kuratoriums sowie eines wissenschaftlichen Beirats
2. Einrichtung eines Kuratoriums
Es ist sinnvoll, schnellstmöglich ein Kuratorium für die vorbereitenden und begleitenden inhaltlichen Fragestellungen zu berufen. Dieses sollte möglichst breit angelegt sein, um den parteiübergreifenden Konsens, der derzeit die Grundsatzbeschlüsse ermöglicht hat, beizubehalten. Es sollte aber auch möglichst hochrangig besetzt sein, um die Bedeutung des Vorhabens zu unterstreichen. Ich schlage deshalb vor, ein Kuratorium einzusetzen, welches u. a. als stimmberechtigte Mitglieder haben sollte:
* Für die Stadt München:
* Den Oberbürgermeister bzw. StellvertreterIn
* Die Kulturreferentin, bzw. StellvertreterIn
* Die kulturpolitischen SprecherInnen der Fraktionen
* Für den Freistaat
* Den Ministerpräsidenten bzw. Stellvertreter
* Die Kultusministerin, bzw. StellvertreterIn
* Die kulturpolitischen SprecherInnen der Fraktionen
* Für den Bund
* Der Bundeskulturbeauftragte bzw. Stellvertreter
* Für die VertreterInnen der in diesem Bereich arbeitenden Organisationen sollten max. fünf Personen benannt werden.
* Die Landeszentrale für politische Bildung, die derzeit ein erstes Konzept für das Dokumentationszentrum erarbeiten soll, soll eine beratende Funktion bekommen.
Wünschenswert wäre es, daß das Kuratorium gegründet ist, wenn das erste Konzept der Landeszentrale für politische Bildung - vermutlich im Herbst 2002 - vorliegt.
Inhaltlich sollte einem Konzept nicht vorgegriffen werden, aber einige Wünsche sollten geäußert werden:
* Der Zeitrahmen der Dokumentation sollte als Kernzeitraum von 1920 - 1945 reichen.
* Die Dokumentation sollte schwerpunktmäßig erstmalig die "Täterrolle" Münchens bearbeiten.
* Im Bereich der Darstellung des Widerstands in München müssen alle Widerstandsgruppen und -richtungen vertreten sein und entsprechend gewürdigt werden.
* Die Einrichtung sollte von vorneherein als Dokumentations- und Forschungszentrum angelegt sein, um viele Lücken in der historischen Forschung nach und nach schließen zu können.
* Die Einrichtung muß aufs Engste mit der parallel zu schaffenden "Geschichtsmeile" verknüpft sein.
* Ein wichtiges Element, um den Bezug zu heute herzustellen, wäre eine Beleuchtung des Umgangs mit der NS-Vergangenheit Münchens seit 1945.
3. Einrichtung eines wissenschaftlichen Beirats
Bis zur Vorlegung der Ergebnisse der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung sollte ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat gegründet werden. Die Landeszentrale für politische Bildung erarbeitet derzeit eine erste Konzeption. Diese Konzeption sollte neben dem Kuratorium auch im Rahmen von Expertengesprächen diskutiert werden. In diesem wissenschaftlichen Beirat sollten auf alle Fälle unabhängige ExpertInnen berufen werden, die sich seit vielen Jahren um die Frage der Erinnerung an die NS-Vergangenheit Münchens verdient gemacht haben, wie z. B.: Prof. Nerdinger, Prof. Brenner oder Prof. Rosenfeld etc.
Die Einbindung der Vereine und der ExpertInnen in die Umsetzung des Dokumentationszentrums muß gewährleistet sein, um die auch im Landtagsbeschluß geforderte "Einbeziehung der Öffentlichkeit" umzusetzen.
Bei entsprechender Einbindung der Stadt und der interessierten Öffentlichkeit durch Kuratorium und wissenschaftlichen Beirat sollte die LHM - entsprechend der Finanzierungsvereinbarung für das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg - in Richtung auf eine Drittelfinanzierung verhandeln.
4. Gewährleistung einer Öffentlichkeits- und Beteiligungsphase
Um eine optimale Beteiligung der interessierten Öffentlichkeit sicherzustellen, muß nach Vorliegen der Konzeption und der ausstellungstechnischen und architektonischen Überlegungen eine Öffentlichkeits- und Beteiligungsphase durchgeführt werden. Diese muß die Beteiligung des örtlichen Bezirksausschusses ebenso umfassen wie inhaltliche Debatten im Stadtrat und im Landtag, sowie eine Auslegung der Unterlagen mit öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen.
5. Ein Konzept für die Jugend
Wichtig wäre es, eine Konzeption zu wählen, die auch und gerade für Jugendliche ansprechend ist. Für die Jugendlichen ist der Nationalsozialismus Geschichte. Es muß darauf geachtet werden, daß im Rahmen dieses Dokumentationszentrums Konsequenzen für heute gezogen werden können. Dies bedeutet zum einen eine entsprechende multimediale Aufbereitung, zum anderen aber auch ein Verweis auf die Wurzeln und Traditionen der Neonazis.
6. Der Ort - eine einmalige Chance; die Umgebung begehbar und begreifbar machen
Das Dokumentationszentrum soll in unmittelbarer Nähe des Königsplatzes eingerichtet werden. Dies bedeutet, daß es eine enge räumliche Verzahnung mit der Umgebung geben kann und muß. Um das im Dokumentationszentrum Erfahrene zu unterstreichen, sollte es in der Umgebung des Königsplatzes im Rahmen der Verzahnung von Geschichtsmeile und Dokumentationszentrum eine Öffnung und Begehbarmachung der historischen Orte und Plätze geben. Dies könnte unter anderem bedeuten:
* Begehbarmachung des Geländes des ehemaligen Braunen Hauses, sowie gegenüber des Geländes der ehemaligen päpstlichen Nuntiatur.
* Hinweise darauf, daß von der Rückfront des ehemaligen Verwaltungsbaus der NSDAP die Einschußgarben nicht entfernt wurden.
* Begehbarmachung wenigstens eines Teils der unterirdischen Verbindungsanlagen.
* Konzeptionelle Einbindung der Sockel der beiden ehemaligen Ehrentempel etc.
Somit könnte an dieser Stelle ein Geschichtsfeld entstehen, das als Verzahnung von Dokumentationszentrum und Geschichtsmeile dienen könnte.
7. Der Ort für das Dokumentationszentrum
Erste Wahl für die Einrichtung eines Dokumentationszentrums ist sicherlich der ehemalige "Führerbau". Es sollte alles daran gesetzt werden, diesen "kontaminierten Ort" für das Dokumentationszentrum zu erhalten. Falls eine Realisierung an der Verlagerung z. B. der Musikhochschule zu scheitern droht, sollte die Stadt München ihre Hilfe bei der Suche nach geeigneten Ersatzräumlichkeiten anbieten. Auch der Verwaltungsbau der NSDAP erscheint als zweite Wahl möglich und sinnvoll.
Erst als dritte Wahl sollten die Räumlichkeiten des ehemaligen Heizwerkes in der Meiserstraße angedacht werden. Diese haben bei weitem nicht die historische Bedeutung wie der ehemalige Führerbau -und liegen etwas versteckt im Innenhof.
Gänzlich Einigkeit sollte darüber herrschen, daß die alten Pläne von 1988-1990, die Ehrentempel sowie die Gelände des ehemaligen "Braunen Hauses" sowie der ehemaligen päpstlichen Nuntiatur zu überbauen, nicht weiterverfolgt werden. (vgl. entsprechende Forderungen des BAs Maxvorstadt)
8. Nicht vergessen: Die Geschichtsmeile muß mit der Konzeption für ein Geschichtsfeld um den Königsplatz und dem Dokumentationszentrum, sowie einer würdigen Gestaltung des zentralen Mahnmals zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus verbunden werden.
Siegfried Benker
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